In der aktuellen Malerei Anke Rohdes spielt das Urbane, die Spiegelungen architektonischer Formen und seiner Produkte die Hauptrolle. Der Betrachter wird mitgenommen in zuweilen verwirrende Ansichten aus Flächen und Ebenen, die sich wie in einem Kaleidoskop ineinander schieben. Hinter den großen Fassaden der Gebäude verbergen sich sowohl Gegenstände, wie menschlich Persönliches, das die Räume mit Leben füllt und episodenhafte Geschichten erzählen kann. Diese „Innenansichten“ sind Thema zahlreicher Gemälde von Anke Rohde.

Alles begann mit einem roten Sofa, welches 2004 fotografisch Modell stand für das erste fotorealistisch gemalte Bild. Seine abweisende Rückenlehne sowie die zunächst etwas grob aufgefasste Stofflichkeit des Möbels wird von einem anonymen Foto in eine Perspektive übersetzt, deren Ausschnitthaftigkeit kennzeichnend für viele weitere Bilder sein wird. Teile von menschlichen Dingen übernimmt die Malerin aus Fotos und transformiert sie in Malereistücke, die mit dem Abbild und der sogenannten Wirklichkeit spielen. Die Außenwelt erscheint fokussiert und erhält im malerischen Gewand einen erweiterten „Anschein“: So werden mehrfach isoliert stehende Produkte von Personen gezeigt, die eine andere Sicht auf die Welt zulassen. Die Individuen selbst sind meist in ruhigen, abgespaltenen Aktionen verfangen und verweisen so verschärft auf ihre eigene Situation.

Anknüpfend werden für die Acrylmalerei zunächst gefundene Fotos, auch aus Tageszeitungen, als Vorlagen genutzt  - so beispielsweise der „Schwimmer“ (2005), der in einem windschnittigem Bildformat seiner kraftvollen Bewegung in einem wogenden Farbenmeer Luft holt. Die Konzentration und die Stärke des Sportlers lassen keine Außenwelt zu. Der dargestellte Mensch und sein Antlitz wenden sich vom Betrachter ab. Diese Haltung zeigt sich auch bei „Esther I“ (2006), einem Bild, in dem für den roten Hintergrund neben dem Pinselstrich auch die traditionelle Stempeltechnik des Linolschnitts zum Einsatz kommt. Niemals blicken wir den Porträts in die Augen, nicht in ihr Inneres. Vielmehr bleiben sie anonym und dennoch erscheinen sie uns auch nah und persönlich, wenn wir ein Detail ins Auge fassen, ähnlich der alltäglichen und bruchstückhaften menschlichen Wahrnehmungsweise. So bleibt der Betrachter immer Zuschauer, manchmal fast Voyeur, wenn er – unterstützt durch die flächig detaillierte Malweise – Einblick nimmt in fremde Interieurs oder Situationen und Aufblick hat auf den öffentlichen Raum.

Das künstlerische Verfahren, bereits existierende Bilder und vorgefundenes Material in Form von Fotos als Motiv zu nutzen, beruft sich kunstgeschichtlich auf vielfältige Vorbilder; das prominenteste in diesem Kontext ist ohne Frage Gerhard Richter. Sein gigantisch großer „Atlas“ (1962 – 2013), ein thematisch und chronologisch in Bildtafeln sortiertes Kompendium von sowohl öffentlichen als auch privaten Bildern und Skizzen, begleitet den Maler in seiner Laufbahn lebenslang und fungiert zugleich als eine Art kulturelles Bildgedächtnis, das bereits im Titel mit Nachdruck seinen Absolutheitsanspruch im Blick auf die Welt demonstriert. Anke Rohde nimmt nach dem eigenen Erlebnis eines Originals von Richters gemalten Wolkenbildern dieses Motiv zunächst gezielt auf – aus den 2005 entstandenen Wolken wird jedoch 2013 durch Übermalung eine städtische „Fassade“, womit das aktuelle Thema des Urbanen die ehemalige Naturansicht der Wolkenformation im wahrsten Sinne des Wortes überblendet.

Seit dem Ende der Hochschulzeit verwendet Anke Rohde ferner eigene Fotos, die zuweilen auch Jahre später erst zu Bildmotiven für ihre Acrylmalerei reifen. Ihr Bildfundus entsteht bei Streifzügen in allgemein zugänglichen Räumen und Orten. Persönliche biografische Bilder, wie die der Töchter, finden ebenso Eingang in die Malerei, wie einzelne in Zeitschriften entdeckte Dinge und Kleidungstücke, die über die Jahre in Serien weiterverfolgt werden, die sie „Bildergeschichten“ nennt. Einen Anfang macht 2007 die grüne „Racing.Jacke“ in Acryl auf Leinwand, die in drei Versionen kein menschliches Modell, keine Dynamik, sondern nur sich selbst als Äußeres eines abwesenden Menschen repräsentiert. Sie repräsentiert als eine Art nachmodernes Stillleben eine produzierte Schutzhülle ohne Leben darin – wem gehört sie, wer soll sie kaufen? Das Fehlen von etwas oder jemanden bringt einmal mehr die Spannung in die nur scheinbar unbelebten Welten.

Die größte seit 2009 fortlaufende Serie stellen die „Chucks“ dar. Diese Kultschuhe, sportiv und lässig und zugleich durch ihr Material dem Alterungsprozess schnell ausgeliefert, zeigen einen Klassiker der Schuhmode, der in seiner Wandelbarkeit als ursprünglich vor rund 100 Jahren in Amerika entwickelter Basketballschuh ohne Konkurrenz ist. So sind auch die „Porträts“ der zahlreichen Chucks zumeist ein individueller Spiegel ihres Besitzers, welcher zu fast jedem Bild bekannt ist. Der Titel der einzelnen Bilder bezeichnet den Tag ihrer Fertigstellung. Die Serie begann allerdings nahezu „politisch“: Einen der ersten Chucks,  den „Chuck 20.01.09“, malte Anke Rohde in Bezug zur historisch bedeutenden Vereidigung von Barak Obama als erstem farbigen Präsidenten der USA und setzte ihn wie ein Denkmal auf ein Motiv der amerikanischen Flagge. Bei den Folgemodellen finden sich häufig inhaltliche Beziehungen zwischen dargestelltem Schuhporträt und dem Hintergrund, wie etwa der Knochenbeton des Hofnachbarn oder der Garten. Formal setzt die Malerin auf den Kontrast zwischen dem klaren Objekt und seinem ornamentalem Hintergrund (ähnlich wie bei den Racing Jacken).

Diese motivischen Ausschnitte der klaren Bildebenen werden in der Serie „Sanbitter“ seit 2012 gebrochen und greifen im Medium der Ölmalerei das immer wieder kehrende Motiv der Spiegelungen auf. Sanbitter ist ein tatsächlich bitteres Getränk, das vor allem in städtischen Bars gerne als alkoholfreier Likörersatz für Mixgetränke genutzt wird; ein „In-Getränk“, verpackt in einer taillierten Glasflasche im kleinen Format. Doch was ist es noch? Das geleerte italienische Behältnis provoziert durch seine Formschönheit die Verwendung als Vase und mutiert so zu einer oft gebrauchten Neuverwendung, die den Geschmack des Konsumenten ganz nebenbei miterzählt. In der Verschiebung der gemalten Größenverhältnisse bekommt diese zarte, spiegelnde Flasche etwas Monumentales und reflektiert zugleich Schatten ihrer Umwelt, dies jedoch kaum sichtbar. Für Anke Rohde ist es ein Sujet, verbunden in der Tradition des Stilllebens. Hierbei werden jedoch keine symbolischen, sondern zunächst formale Aspekte in den Vordergrund gestellt. Die Blumen aus dem heimischen Garten bevölkern das Haus der Malerin zu Frühlingsbeginn und platzieren zugleich ihre Variationen als Modell in dem wohlproportionierten Behältnis: Schnittlauch, Jasmin und Vergissmeinnicht stehen für sich im leeren Raum, der keine tatsächliche Verortung zulässt und erinnern in ihrer gläsernen, kaum merklichen Differenz zuweilen an die konzeptionell seit fünfzig Jahren täglich gemalten Gläser von Peter Dreher.

Ähnlich allein wirken Anke Rohdes Figuren, die uns den Rücken zukehren, vor dem Hintergrund einer grauen Fläche zu sehen sind und selbst als Betrachter agieren, die Blickachse des Betrachters ins Nichts fortsetzend. Entsprechend ihrer undefinierten Umwelt sind diese zwischen 2006 und 2013 entstanden Werke mit „Monochrom I – V“ betitelt – abermals schwimmt die Bildebene hinweg und hinterlässt Irritation. Anke Rohde steht in der fotorealistischen Malereitradition, die bereits in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts mit Lichtreflexen, Spiegelungen und Oberflächenstrukturen wesentliche Aspekte der Malerei – Licht und Farbe – auslotete und für Furore sorgte, wie beispielsweise die Malerei von Richard Estes. In diesem thematischen Metier ankern die urbanen Überblendungen, die regionale Stadtsituationen von Flughäfen, Banken und Schaufensterfronten neu beleuchten, wie beispielsweise bei „Repeat, Frankfurt“ von 2014. Auch in Bildern wie „Travel Value“ oder „Lunch Time“ (beide 2012), gewinnen bei aller Detailtreue Ansichten von Flughafen- oder Bankgebäuden etwas Abstraktes und reflektieren hierin die allgegenwärtigen Fragen der Kunst: Was ist echt, was Kulisse oder Illusion? Wo ist die Naturnachahmung zu weiteren Ebenen fähig und, vor allem, wo in diesen Räumen ist der Mensch verortet? Anke Rohde spürt diesen Fragen nach – immer auf der Suche nach der eigenen malerischen Perfektion.

© Dr. Elke Ullrich

Dr. Elke Ullrich arbeitet als freie Kunstwissenschaftlerin und Autorin. Sie lebt in Wiesbaden und ist im Vorstand des Nassauischen Kunstverein.